Willkommen auf den Seiten des Auswärtigen Amts

Ansprache von Botschafter Dr. Robert Klinke zum Tag der Deutschen Einheit (3. Oktober 2020)

Rede

Sehr geehrte Damen und Herren,
verehrte Partner und Freunde Deutschlands,
liebe Landsleute!

Ich begrüße Sie alle sehr herzlich vor den Bildschirmen. Ich freue mich, dass Sie Ihr Gerät eingeschaltet haben, um gemeinsam mit mir und meinem Team in der Botschaft den heutigen Tag der Deutschen Einheit zu begehen. Sehr gerne hätte ich Sie alle persönlich im Rahmen eines feierlichen Empfangs begrüßt, doch leider zwingt uns die Corona-Pandemie einmal mehr, auf ein digitales Format auszuweichen.

Dies ist umso bedauerlicher als wir heute ein historisches Datum feiern. Heute vor genau 30 Jahren, am 3. Oktober 1990, wurde mit dem Inkrafttreten des Einigungsvertrags zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik die fast vierzig Jahre dauernde Teilung Deutschlands und der Deutschen überwunden. Am 3. Oktober 1990 traten die fünf ostdeutschen Länder Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen der Bundesrepublik Deutschland bei. Ein Traum wurde wahr, ein Traum, an dessen Erfüllung noch 1989 die wenigsten Menschen in beiden Teilen Deutschlands geglaubt hätten! Auch ich selbst erinnere mich noch sehr gut an diese Zeit.

Die Wiederherstellung der deutschen Einheit war vor allem Eines - das Ergebnis einer friedlichen Revolution der Menschen in der ehemaligen DDR. Ihnen gebührt noch heute unser aller Respekt für den Mut und die Kraft, mit denen sie dem SED-Regime die Stirn geboten haben. Wir alle erinnern uns an die regelmäßigen Gesprächskreise vieler Oppositionsgruppen in den Kirchen der DDR.

Wir erinnern uns an die gewaltfrei verlaufenen Montagsdemonstrationen in Leipzig und an weiteren Orten, die zum Sinnbild einer gewaltfreien Demokratiebewegung geworden sind und die in abgewandelter Form noch heute - denken wir z. B. an „Fridays for Future“ – Nachahmung finden. Innerhalb kurzer Zeit entstand 1989 in der DDR eine Bewegung, deren Unterstützerinnen und Unterstützer ein großes persönliches Risiko eingingen, um für ihre Vorstellung von Freiheit und Demokratie einzutreten. Ohne diese Demokratiebewegung und die Menschen, die sie getragen haben, wäre es am 9. November 1989 sicher nicht zur Öffnung der Grenzen der DDR und zum anschließenden Fall der Berliner Mauer gekommen. Ohne sie hätte es nicht die ersten wirklich freien Wahlen zur Volkskammer am 18. März 1990 gegeben. Und ohne sie wäre Deutschland heute nicht das Land, das es ist!

Meine Damen und Herren,

die Wiedervereinigung Deutschlands wäre nicht denkbar gewesen ohne die Unterstützung der früheren Siegermächte des Zweiten Weltkriegs. Um als Staat in vollem Umfang handlungsfähig zu sein, musste die neue Bundesrepublik zunächst ihre volle Souveränität wiedererlangen.

Dies geschah – nach intensiven und schwierigen Verhandlungen – mit der Unterzeichnung des sogenannten „Zwei-plus-Vier-Vertrags“ am 12. September 1990. Mit diesem Vertrag wurden die Grenzen des deutschen Staatsgebiets und der Verzicht Deutschlands auf Gebietsansprüche gegenüber anderen Staaten festgelegt. Festgeschrieben wurde auch die Größe der Streitkräfte und der Verzicht auf das Führen von Angriffskriegen sowie auf die Herstellung oder den Besitz von ABC-Waffen. Ebenso wurde der Abzug sowjetischer Truppen aus der ehemaligen DDR in Aussicht genommen. Dieser Vertrag verankert Deutschland bis heute in der Mitte Europas und in den westlichen Bündnissystemen.

Das vereinte Deutschland erhielt volle Souveränität über seine inneren und äußeren Angelegenheiten. Die ehemaligen Siegermächte des Zweiten Weltkriegs und deren Nachfolger sind heute Partner und Freunde. Wir sind ihnen - wie allen, die die Deutsche Einheit ermöglicht haben - auch weiterhin zu Dank verpflichtet.

Wo steht Deutschland heute?

Wenn wir Deutsche kritisch in den Spiegel schauen, müssen wir feststellen, dass in den vergangenen 30 Jahren viel erreicht wurde.

Gleichzeitig sind wir von einer inneren Einheit aber noch ein gutes Stück entfernt. Die Angleichung der Lebensverhältnisse in West und Ost ist weit vorangeschritten. Dennoch vermissen viele Menschen in Ostdeutschland die von dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl in Aussicht gestellten „blühenden Landschaften“. Statistisch lässt sich belegen, dass Wirtschaftskraft und Lebensstandard in den östlichen Bundesländern seit der Wiedervereinigung beträchtlich gestiegen sind.

Den meisten Menschen geht es dort heute deutlich besser als vor 30 Jahren. Umgekehrt hat mittlerweile auch der ehemaligen Westen in manchen Gegenden Aufholbedarf.

Doch was helfen die besten Statistiken, wenn viele Bürgerinnen und Bürger in den östlichen Bundesländern das Gefühl haben, Menschen zweiter Klasse zu sein? Dieses Gefühl zu verstehen und abzubauen ist eine der größten Aufgaben, vor der die deutsche Politik und die deutsche Gesellschaft aktuell stehen. Die Corona-Pandemie und ihre sozialen und wirtschaftlichen Folgen haben uns die gerade im Osten Deutschlands bestehenden Defizite deutlich vor Augen geführt. Es gilt also weiter, an Lösungen zu arbeiten.

Und außenpolitisch?

Die Demokratiebewegung in der ehemaligen DDR war ein wesentlicher Treiber für die Neuordnung Europas. Die Ereignisse in Deutschland trugen sehr wesentlich zu einem Ende des Eisernen Vorhangs bei und zu der in dieser Zeit einsetzenden gewaltigen Transformation politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Systeme in Mittel- und Osteuropa. Auch der Zerfall des ehemaligen Jugoslawien gehört dazu.

Erlauben Sie mir, noch einmal zurückzugehen und aus der ersten Regierungserklärung des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl vom 4. Oktober 1990 zu zitieren:

„Deutschland will mit seiner wiedergewonnen Freiheit dem Frieden in der Welt dienen und die Einigung Europas voranbringen. Die Politik der Bundesregierung wird geprägt sein vom Bewusstsein für die deutsche Geschichte in allen ihren Teilen und der daraus folgenden Verantwortung. Nur wer seine Herkunft kennt, hat einen Kompass für die Zukunft.“

Darum geht es bis heute. Darum geht es auch in Zukunft. Das heutige Deutschland, für das ich stehe, sieht sich diesem Bekenntnis auch 30 Jahre nach Wiederherstellung der deutschen Einheit weiterhin verpflichtet.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und lade Sie nun ein, von unserem umfangreichen virtuellen Angebot Gebrauch zu machen, das wir Ihnen aus Anlass von 30 Jahren Deutsche Einheit heute und die gesamte nächste Woche auf der Internetseite der Botschaft zur Verfügung stellen.

Besonders hinweisen möchte ich Sie auf ein aufgezeichnetes Beethoven-Konzert des „No Borders Orchestra“. Das No Borders Orchestra ist ein Ensemble klassischer Musiker*innen aus der gesamten Region. Mit ihrer künstlerischen Klasse stehen sie ein für Toleranz, Respekt, Versöhnung.

Ich wünsche Ihnen viel Freude. Bleiben Sie gesund in diesen turbulenten Zeiten!

nach oben