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Grußwort des Ständigen Vertreters, Harald Seibel, anlässlich einer Podiumsdiskussion zum Thema „Friedenserziehung – Vukovar als Ort des Friedens und des Dialogs“ am 27.09.2018 in Vukovar

Artikel

- es gilt das gesprochene Wort -

(Anrede)

es ist mir eine große Ehre, die deutsche Botschaft Zagreb bei der heutigen Veranstaltung vertreten zu dürfen. Ich bin Ihrer Einladung sehr gerne gefolgt. Nicht nur, weil ich der Meinung bin, dass das Europahaus Vukovar ebenso gute wie wichtige Arbeit leistet und daher jede Unterstützung verdient. Nicht nur, weil hier in Vukovar mit seiner wechsel- und leidvollen Geschichte deutlich wird, wie schwierig und langwierig Versöhnung zwischen Menschen, die sich einst als Feinde gegenüberstanden, sein kann. Vielmehr hat mich der in die Zukunft gerichtete Titel der gleich beginnenden Podiumsdiskussion überzeugt: „Vukovar als Ort des Friedens und des Dialogs“.

Podiumsdiskussion Friedenserziehung - Vukovar als Ort des Friedens und des Dialogs
Podiumsdiskussion „Friedenserziehung - Vukovar als Ort des Friedens und des Dialogs“© FES Zagreb

Die Geschichte Europas lehrt uns, wie schwierig es sein kann, nach einem verheerenden Krieg mit Tausenden – manchmal Millionen von Opfern – wieder zur Normalität zurückzukehren. Frühere Nachbarn, die zwischenzeitlich zu Feinden geworden waren, wieder neu als Nachbarn zu sehen und mit ihnen zusammenzuleben. Zu verzeihen – aber nicht zu vergessen! - was sich während der Kriegsjahre ereignet hat. Sich miteinander zu versöhnen!

Natürlich ist das leichter gesagt als getan. Viele Wunden sind tief, Schmerzen, die zugefügt wurden, noch nicht verarbeitet. Manche Menschen werden vielleicht nie wieder zueinander finden, was nur allzu verständlich ist. Andere wiederum werden den entscheidenden Schritt auf den Nachbarn zugehen und die Hand ausstrecken können. Und meine Hoffnung ist, dass wiederum andere – und damit meine ich vor allem die Jugend, die den Krieg nicht miterlebt hat – unbeschwert mit ihren Mitmenschen umgehen können. Für sie sind die Kriege dieser Welt Vergangenheit, wenn auch mit vielen Bezügen zur Gegenwart. Hoffentlich aber mehr als das!

Ich würde mir wünschen, dass die Kriege des vergangenen Jahrhunderts für die heute heranwachsenden Generationen nicht nur historische Ereignisse sind oder Verletzung der eigenen Nation, der eigenen Volksgruppe, der eigenen Familie bedeuten. Für viel wichtiger halte ich es, dass diese Kriege uns alle daran erinnern, dass sie sich nicht wiederholen dürfen. Ich würde mir wünschen, dass wir aus der Vergangenheit gelernt haben bzw. weiter lernen. Der Ruf „Nie wieder Krieg“ stammt aus der Zeit nach Ende des Ersten Weltkriegs. Gleichwohl hat er an Aktualität nichts eingebüßt!

In diesem Jahr begehen wir den 100. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs, ein Datum, das ein Innehalten verdient. Der Zweite Weltkrieg liegt mehr als 70 Jahre hinter uns. Alle, die nach 1945 geboren wurden, sollten sich immer wieder in Erinnerung rufen, dass wir in den meisten Ländern Europas mehrere Jahrzehnte ohne kriegerische Auseinandersetzung hinter uns gebracht haben, wenn auch leider nicht hier in Kroatien und besonders hier in Vukovar.

Entscheidenden Anteil für die doch insgesamt positive Entwicklung in Europa hatten nach meiner Überzeugung u. a. die deutsch-französische und die deutsch-polnische Aussöhnung. Beide Versöhnungsprozesse haben den Menschen in und außerhalb Deutschlands viel abverlangt. Dennoch können wir Deutsche und unsere Nachbarn heute stolz und dankbar sein, dass es gelungen ist, frühere Feindschaften zu überwinden und zu guter Nachbarschaft, teilweise sogar zu Freundschaft zu finden.

Noch wichtiger erscheint mir aber der Prozess der europäischen Integration. Ohne die Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, später der Europäischen Gemeinschaft und der Europäischen Union wäre Europa mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht das, was es heute ist: eine Region, in der Frieden herrscht – und damit schließe ich ausdrücklich auch diese Region mit ein! Dieser Frieden geht einher mit Selbstbestimmung, Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Pressefreiheit, Menschenrechten und Toleranz in den Ländern der EU – und hoffentlich weit darüber hinaus. Diese Werte bilden die Basis für Frieden, Stabilität und Wohlstand.

Wenn ich den inneren Zustand der Europäischen Union heute betrachte, habe ich Zweifel, ob diese Grundwerte noch allen Menschen bewusst sind und von ihnen geteilt werden. Sehr oft nehme ich wahr, dass wir die finanziellen Vorteile, die die EU mit sich bringt, gerne und mit einer gewissen Selbstverständlichkeit in Anspruch nehmen, die gemeinsamen Werte, auf denen das Haus Europa gebaut wurde, aber immer häufiger in den Hintergrund gedrängt werden. Ich nehme wahr, dass immer häufiger die Verantwortung für vermeintliche Fehlentwicklungen in Brüssel gesucht wird. Und ich nehme wahr, dass die Identifizierung der Menschen mit der Europäischen Union als politische Institution in vielen Mitgliedsstaaten schwindet.

Meine Damen und Herren, sicher kann man die Arbeit der europäischen Institutionen in Teilbereichen kritisieren. Vieles wird von den Bürgerinnen und Bürgern - zu Recht - als zu bürokratisch, realitätsfremd oder kleinteilig empfunden. Dennoch finde ich es an der Zeit, die Frage zu stellen: „Wer oder was ist Europa?“ Meine Antwort darauf lautet: „WIR ALLE“! Wir alle, die wir in der Europäischen Union leben und arbeiten, sind aufgerufen, zu erkennen – und anzuerkennen, - dass jede(r) einzelne von uns Teil dieses Europa ist. Jede(r) von uns trägt ein Stück Mitverantwortung für das, was in Europa passiert. Jede(r) von uns trägt dazu bei, Stabilität, Freiheit und letztendlich Frieden zu sichern. Wer, wenn nicht wir?

Die wichtigste Voraussetzung dafür, dass es uns gelingt, die Basis der EU langfristig zu erhalten und die europäischen Werte zu schützen, ist der Dialog! Was bedeutet Dialog? Aufeinander zugehen, miteinander (und nicht übereinander) sprechen, Verständnis für die Andere, den Anderen zu entwickeln und deren bzw. dessen Position zu respektieren. Vor allem aber den Blick nach vorn anstatt in die Vergangenheit zu richten: Dies sind die wichtigsten Zutaten für einen fruchtbaren, zielführenden Dialog.

Ich freue mich daher sehr, dass die heutige Veranstaltung just an einem Ort wie Vukovar „Frieden und Dialog“ zum Thema hat. Ich freue mich, dass hier und heute ein solcher Dialog stattfindet. Ich freue mich auf eine hoffentlich spannende Podiumsdiskussion und wünsche uns allen einen interessanten und erkenntnisreichen Abend. Vielen Dank!

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